Unsere neuen Paramente der Künstlerin Angelika Paerschke

Die symbolische Aussage unserer Paramente

Die liturgische Farbe grün ist die Farbe der aufgehenden Saat und symbolisiert damit das Wachstum und die Schöpfungsgaben. Dabei war uns der Aspekt des Lebendigen wichtig, des Aufbruchs, der Bewegung. Gott ist die Quelle des Lebens, so haben wir im Psalm vorhin gebetet, bei ihm kommt unser Leben in Bewegung – auch das unserer Gemeinde. Wir wollen uns als Gemeinde aufmachen, den Aufbruch wagen, uns auch ermutigen lassen, nicht stehen zu bleiben, nicht sich mit dem zu begnügen was ist, sondern neue Gebiete aufsuchen, Menschen aufsuchen, die wir bislang nicht – noch nicht oder nicht mehr – erreichen. Wenn Sie das Parament betrachten, dann sehen sie darin Lebendigkeit, nach oben strebende, wachsende oder sich bewegende Linien, rechts neben dem blauen durchlaufenden Band auch Stufen, die andeuten, dass wir Stück um Stück vorankommen wollen, weiter gehen wollen, nach oben, dem Licht entgegen, das uns entgegenkommt. Die bewegten Linien im linken Teil könnten wir sein, als einzelne, als Gemeinde, die sich gemeinsam – und doch nicht uniform, sondern sehr unterschiedlich – bewegen und bewegen lassen. So unter¬schiedlich wie wir sind, so unterschiedlich sind auch die Linien: unterschiedlich in der Farbe und Größe, unterschiedlich in der Bewegung und der Nähe und Beziehung zueinander. Die Bewegung dieser Linien geschieht auf einem Raster, das im Gegensatz zu den farbigen Linien schwarz, fest und klar ist. Dieses Raster ist aber aufgelockert, es ist durchbrochen. Es könnte dafür stehen, dass man¬ches, was starr, fest und vielleicht sogar einengend ist, überwunden und aufgebrochen werden soll. Insofern könnte man das schwarze Raster auch als einen Zaun sehen, der aufgerissen werden soll, ein Zaun, der bislang abtrennt zwischen denen da draußen und denen da drinnen. Uns war es wichtig, dass zum Ausdruck kommt, dass wir in der Gemeinde solche starren Grenzen überwinden wollen, dass wir uns immer wieder fragen wollen, wie wir uns öffnen können auch für die, die der Kirche nicht so verbunden sind. Das Bild einer Gemeinde als Herberge hat uns dabei geleitet, einer Herber¬ge, die am Weg der Menschen steht, einladend und offen, in der sowohl die Stammgäste ihren Platz haben als auch jene, die an einer bestimmten Station ihres Lebens hierher kommen um sich für den weiteren Wegabschnitt zu stärken. So offen, wie das Raster aber jetzt geworden ist, lässt es aber auch noch andere Deutungsmöglich¬keiten zu. Denn Tradition ist ja nicht nur einengend, sie kann auch zusammenhalten, sie kann auch ein Gerüst sein, einen Halt geben, so, wie Pflanzen zum Wachstum manchmal etwas brauchen, an dem sie sich festhalten und an dem sie emporwachsen können. Das aufgebrochene Raster wird dann zu Kreuzen, die jeweils bei den einzelnen stehen und doch alle zusammen miteinander verbinden. Und diese Kreuze könnten dann für die Tradition stehen, auf der wir aufbauen, die Halt gibt, Identität stiftet und Gemeinschaft fördert. Unser Parament ist mehr als ein Antependium, dem eigentlich genaueren Begriff für jenes Tuch, das vor den Altar gehängt wird (der Begriff „Antependium“ kommt von den lateinischen Wörtern: ante = vor und pendere = hängen). Wie Sie sehen hängt es nicht nur vor dem Altar sondern läuft über den Altar bis hinten durch und schafft damit eine Verbindung mit der Altarbibel, mit dem Medaillon mit der Abendmahlsszene und dem Kreuz. Farblich kommt diese Verbindung auch in dem blauen Band zum Ausdruck, das, wie ich es sehe, nicht von unten nach oben, sondern von oben vom Kreuz mit Medaillon über die Bibel nach unten läuft. Dieses blaue Band läuft wie ein Stück Himmel hinunter in unsere Gegenwart. Im Judentum symbolisiert die Farbe Blau Gott, Glauben und Offenbarung. Wenn wir das aufgreifen, so kommt in unseren Aufbruch von unten Gott selbst mit seiner Offenbarung, die uns in Christus gegeben ist. Durch das Wort des Evangeliums und im Sakrament fließt uns Gottes Offenbarung zu und weckt Glauben, der neues Leben hervorbringt. Damit ist eine doppelte Bewegung angesprochen, die das Parament prägt: Mit den bewegten Linien und den angedeuten Stufen ist es eine suchende aber auch aufbrechende Bewegung von unten nach oben, von uns Menschen, von uns als Gemeinde nach oben zu der anderen Wirklichkeit Gottes, nach der wir fragen. Dem entgegenkommend können wir eine Bewegung von oben nach unten ausmachen, von dem von oben einfallenden Licht und dem verbindenden, ebenso von oben herkommenden blauen Band hinunter in unsere Gegenwart. Mitten in unser Fragen, in unser Suchen nach Gott kommt er durch seine Gegenwart in Wort und Sakrament, durch sein Licht und seine Leben erneuernde Kraft. Davon kann uns das Parament erzählen. Oft genug wird es uns aber in unserem Suchen und Fragen nicht nach Aufbruch, nach Bewegung zumute sein, so wie es hier zum Ausdruck kommt. Aber Mose war es auch nicht nach Aufbruch zu-mute, als er nach Gottes Gegenwart gefragt hat. Vielleicht ist uns ja gerade dieser Predigttext, den wir ausgelassen haben, als zusätzliche Interpretationshilfe heute gegeben, diese Bewegung und den Aufbruch nicht als überfordernde Voraussetzung mißzuverstehen, sondern als Folge davon, dass Menschen von der Herrlichkeit Gottes berührt Kraft gewinnen um sich aufzumachen auf neue Wege. Das violette Altartuch begegnet uns immer dann im Kirchenjahr, wenn es um Zeiten der Besinnung und der inneren Einkehr geht, aus denen eine Erneuerung der Lebenspraxis hervorgehen soll. Violett begleitet uns durch die Passionszeit. In den sieben Wochen von Aschermittwoch bis Ostern wird besonders der Passion, also des Leidens Jesu gedacht. Ebenso sind die Adventswochen von der Farbe Violett geprägt, waren sie doch ursprünglich neben den Passions¬wochen die zweite große Fastenzeit im Jahr, in der sich die Men¬schen auf das Fest der Menschwerdung Gottes vorbereiten sollten. Darüber hinaus ist Violett auch die Farbe des Buß- und Bettages, der – wie das Wort Buße schon sagt – ebenfalls zu Besinnung und Um¬kehr aufruft. Die Gestaltung des Paraments bringt das Thema der Erneuerung zum Ausdruck. Das rote Band als Sinnbild der Liebe Gottes, die er in Jesus zeigt, durchläuft die violette Fläche und wird zu einem offenen Kreis, aus dem Neues entsteht. Eine Knospe, die sich entfaltet, lebendige, helle und lichte Farben die einfließen, machen deutlich, dass in der Umkehr zu Gott das Leben neu aufleuchten kann. Der Hintergrund des Violetts, das von der liturgischen Farbe für die buße und Umkehr steht, wird durchwebt und durchdrungen von den Farben des Lichtes und des Lebens. So kündet dieses Parament auf seine Weise davon, dass uns in der Hinwendung zu Gott, in der Erinnerung an das, was Jesus bereit war, für uns zu tun, wir das Leben neu gewinnen dürfen. Zu Weihnachten hängt zum ersten Mal im Kirchenjahr das weiße Parament, denn dieses schmückt den Gottesdienst an den Christusfesten und den daran folgenden Zeiten im Kreis des Kirchen¬jahres. Das ist die Weihnachts- und die Osterzeit, also nicht nur die Feste selbst, sondern auch die Wochen danach, die davon geprägt sind. Nach Weihnachten hängt das Parament bis Ende der Epiphaniaszeit, wenn die Vorfastensonntage beginnen; nach Ostern bis zum Pfingstfest. Damit sind die beiden Eckpfeiler des Christlichen Glaubens mar¬kiert: die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, die wir jetzt zu Weihnachten feiern und das, was wir in der Osterzeit feiern, näm¬lich die Auferstehung Jesu von den Toten, seine Erhöhung und Himmelfahrt. Beides spiegelt sich in unserem Parament wieder, doch war es uns wichtig, darüber hinaus etwas von der Bedeutung Christi zum Aus¬druck zu bringen, die er nach biblischem Zeugnis und nach unse¬r¬en eigenen Glaubenserfahrungen für unser Leben hat. Sie sehen auf der linken Seite ein golddurchwobenes Band herab¬laufen. Es trifft unten auf eine graue Fläche über der wie die auf¬gehende Morgensonne ein halbrunder Lichtschein zu sehen ist. Das Göttliche kommt herab und trifft auf die Erde, findet dort Krippe und Kreuz gleichermaßen, zeigt sich aber als der über der Krippe und über dem Kreuz aufgehende helle Schein, der unser Leben erhellt. Christus, das Morgenlicht, das uns dem neuen Tag Gottes entgegenbringt. Er ist der, den die Propheten geweissagt haben, er ist die Rose, die aus der Wurzel Israels aufblüht: es ist ein Ros entsprungen… Krippe und Kreuz sind ineinander dargestellt – und doch dominiert hier die Krippe, und das Kreuz liegt. So verweist es auf den Aufer¬stan¬denen, der mitten unter den seinen ist. Anders, in der Hoff¬nungsfarbe blau und größer als sie alle ist er stilistisch dargestellt zwischen den Menschen, die um ihn sind. Ob sie ihn erkennen, ob sie spüren, dass er bei ihnen ist. Vielleicht erst im Nachhinein, so wie die Emmaus-Jünger, die uns bei diesem Teil des Paraments inspiriert haben. Christus ist gegen¬wärtig, als das von Gott gesandte Wort, als sein Licht, das auf die finstere Erde trifft, das in Niedrigkeit in einer Krippe geboren wird und schmachvoll am Kreuz stirbt, er ist die Morgensonne Gottes, die unseren Alltag erhellt, die aufblühen lässt was tot und vergänglich schien, die Hoffnung gibt im Alltag und über den letzten unsrer Tage hinaus. Rot ist als Farbe des Feuers und der Liebe die „Farbe der Kirche“. Sie wird vor allem für Pfingsten, Refor¬mationsfest, Konfirmationen und Ordinationen verwendet. Auf dem von Angelika Paerschke für die Martinskirche in Langenbeutingen gestalteten Parament ist die Sonne als Symbol für die brennen¬de Gottesliebe zu sehen, wie sie sich schon im brennenden Dornbusch offenbart hat. Ebenso kann man darin aber die Feuerzungen des Pfingstfestes, dem Geburtstag der Kirche erkennen. Ausgehend von 1. Petr. 2,1-10 haben wir bei den Überlegungen zum roten Parament auch das Bild der Kirche als ein Haus aus lebendigen Steinen eingebracht. Da das rote Parament auch für Gedenk¬tage der Märtyrer ver¬wendet wird, sind diese in Quaderform als durchlaufendes Band in der Weise auf¬ge-nom¬men, dass z.B. ein Name oder ein Bild eines Glaubenszeugen auch in das Parament ein-gesteckt werden kann. Auch das Thema Glauben bekennen/ Konfirmation verbindet sich mit dem Bild von dem Haus aus lebendigen Steinen, denn es geht um das fest stehen und den Glauben bekennen.